Anregungen für eine kultursensible Beratungsarbeit

Überall auf der Welt gibt es Menschen mit Behinderung. Mit einem Anteil von 15 Prozent der Weltbevölkerung (Schätzung der WHO) stellen sie die größte Minderheit dar. Zum Vergleich: Ende 2017 lag der Anteil von Menschen mit anerkannter Schwerbehinderung in Deutschland bei 9,4 Prozent (Statistisches Bundesamt). Insbesondere in Entwicklungsländern fehlt es an verlässlichen Zahlen und Erhebungen zum Anteil und zur Lebenssituation von Menschen mit Behinderung. Allerdings ist davon auszugehen, dass die Zahl der Menschen mit Behinderung mindestens die von der WHO geschätzten 15 Prozent beträgt. Je nach Region können Krieg, Armut, erschwerter Zugang zu medizinischer Versorgung und Krankheitsprävention sowie fehlendes Wissen über Gesundheit und Krankheit die Wahrscheinlichkeit für Behinderungen und chronische Erkrankungen stark beeinflussen.

Inklusion weltweit?

Die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung unterscheidet sich je nach Land und Region stark. Zwar haben aktuell 177 von 194 Staaten die UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 ratifiziert, daraus lässt sich aber nicht die unmittelbare Umsetzung einer vollen und gleichberechtigen Teilhabe von Menschen mit Behinderung ableiten. So gibt es in einem Land wie Afghanistan einige wenige inklusive Schulen, allerdings sind diese nur in Großstädten zu finden und mitunter privatisiert. Es zeigt sich: Die Möglichkeit der Teilhabe ist stark abhängig von Wohnort, finanziellen Ressourcen, Geschlecht oder der Form der Behinderung. Weltweit ist der Zugang zu Bildung für Frauen und Mädchen erschwert. Kommt eine Behinderung dazu, erfahren die Betroffenen doppelte Teilhabebarrieren. Zudem ist, um am Beispiel Afghanistan zu bleiben, die Beschulung von Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung bisher nicht vorgesehen.

Je nach Form der Behinderung, Lebenssituation, kultureller Identität, Religion oder Herkunftsland kann der Umgang mit Menschen mit Behinderung variieren. Neben medizinischen existieren religiöse, spirituelle und soziale Begründungszusammenhänge, warum ein Mensch eine Behinderung erfährt. Welche Erklärung für die jeweilige Behinderung herangezogen wird, kann sich stark auf die gesellschaftliche und soziale Teilhabe der Betroffenen auswirken. Insbesondere in Gemeinschaften, in denen kaum offen über Behinderung gesprochen wird, in denen Motive von Schuld für Behinderung (z. B. Schuld der Mutter) vorherrschen oder Angehörige mit Behinderung als „Last“ wahrgenommen werden, existiert ein mitleidsgeprägter und fürsorglicher Blick auf Menschen mit Behinderung.

Kultursensible Beratungsarbeit

Über 20 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen haben eine eigene oder vererbte Migrationserfahrung. Zusammen mit den Fluchtbewegungen der letzten Jahre leben somit viele Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen in Deutschland, deren Lebenssituation in den Herkunftsländern nicht gleichzusetzen war mit dem hier vorherrschenden und gesetzlich verankerten Anspruch auf Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Wird versucht das Verständnis von Behinderung aus dem Herkunftsland auf das deutsche Hilfesystem zu übertragen, können sich Spannungen und Konflikte ergeben, die in kultursensibler Weise aufgelöst werden müssen.

So ist es nicht verwunderlich, dass Eltern, die eine stark medizinische Auffassung von Behinderung haben und in deren Herkunftsländern es kaum unabhängige Beratungsstellen für Menschen mit Behinderung gibt, auch in Deutschland zuerst Krankenhäuser und Ärzte aufsuchen, um Hilfe und „Heilung“ für ihr behindertes Kind zu erhalten. Ebenso ist zu berücksichtigen, dass es in den meisten Herkunftsländern kein differenziertes Unterstützungssystem für Menschen mit Behinderung gibt oder dieses mit erheblichen Kosten verbunden ist. Die Versorgung von behinderten Angehörigen muss in der Regel durch die Familie gewährleistet werden. Die in der deutschen Behindertenhilfe häufig vertretene These „Familien mit Migrationserfahrung nehmen das Hilfesystem aufgrund ihrer kulturellen Verschiedenheit seltener in Anspruch“ trifft somit nur teilweise zu. Eine geringere Nutzung von Hilfesystemen auf kulturelle Verschiedenheit zu reduzieren, verkennt die vielfältigen individuellen, strukturellen und rechtlichen Gründe, warum Teilhabe erschwert wird, und negiert zudem die Notwendigkeit der
Selbst­reflexion der Beratungs- und Betreuungseinrichtungen der Behindertenhilfe in Bezug auf ihre transkulturelle Öffnung. Zu fragen ist vielmehr, welches Vorwissen und welche Erfahrungen die Ratsuchenden in Bezug auf Behinderung und das deutsche Hilfesystem haben, wie Zugangsbarrieren abgebaut werden können und wie Angebote modifiziert werden müssen, um der Vielfalt der Bedarfe (in Bezug auf Freizeitangebote, Essgewohnheiten, geschlechtsspezifische Betreuung oder Ausübung der eigenen Religion) gerecht zu werden. Verschiedene Perspektiven auf Behinderung und die Anerkennung von Vielfalt sollten dabei als Chance begriffen werden.

Projekt Kultursensible Selbsthilfe

Ansprechpartner*innen:
Gesa Müller und Abdulkarim Shkees
E-Mail: Gesa.Mueller@LHHH.de, Abdulkarim.Shkees@LHHH.de
Telefon: (040) 689 433 – 19